Felix Grüneisen: Das Deutsche Rote Kreuz in Vergangenheit und Gegenwart – Anstalten und Einrichtungen

Nachschlagewerk über das Deutsche Rote Kreuz und die Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung
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Kapitel 35: Anstalten und Einrichtungen

[Fortführung bestehender Einrichtungen]

[217] […] Als Erbe einer arbeitserfüllten Vergangenheit verfügt das Deutsche Rote Kreuz über eine stattliche Zahl von Anstalten, hauptsächlich von Kran­ken­an­stal­ten[1] und Heilstätten, Alters- und Erholungsheimen, Depots [218] und Häusern. Alle diese Anstalten und Einrichtungen haben, wie lebendige Geschöpfe, an dem Gesamterleben, dem Auf und Ab des deutschen Schicksals teilgenommen. Sie sind durch Krieg und Inflation hindurchgegangen, haben Blütezeiten und schwere Wirtschaftskrisen erlebt. Durch Neugestaltung des Deutschen Roten Kreuzes sind sie Teile eines großen Ganzen geworden, mit dessen Aufstieg und Leistungsfähigkeit sie eng verknüpft sind.

[Fokussierung auf Kriegsvorbereitung]

Recht und Anlaß des Deutschen Roten Kreuzes zur Unterhaltung eigener Krankenanstalten ist noch heute gleich dem vor vierzig, fünfzig Jahren. Diese Anstalten dienen dem kranken Volksgenossen mit dem Ziel, Ausbildungsstätten für Höchstleistungen der Krankenpflege zu sein. Tatsächlich schaffen diese Anstalten noch heute den Standard für beste Leistungen, und sie dienen damit der Krankenpflege überhaupt, im Deutschen Roten Kreuz sowohl, wie in allen mit DRK.-Schwestern besetzten Arbeitsfeldern. Zugleich dienen diese Anstalten der Schulung der Schwestern für die Leitung von Wirtschaftsbetrieben. Diese Ausbildung ist unentbehrlich, um den Anforderungen der Wehr­macht[2] genügen zu können.

Damit ist das Ziel, aber auch die Grenze für das Anstaltswesen im Deutschen Roten Kreuz bestimmt. Es kann nicht die Aufgabe haben, die deutschen Gemeinden von ihren Verpflichtungen zu entlasten, die nötige Zahl von Betten für kranke Volks­ge­nos­sen[3] zu schaffen. Deshalb wird auch die Zahl dieser Anstalten nach Zahl und Umfang stets begrenzt sein.

Die Führung dieser Anstalten, in denen ärztliche und pflegerische Kraft beste Entfaltungsmöglichkeit finden soll, erfordert enges Hand-in-Hand-Arbeiten von Arzt, Oberin und Verwaltungsführung. Das wirtschaftliche Ziel, unabhängig von Zuschüssen einen Ausgleich in Einnahme und Ausgabe herzustellen und darin den Grundsatz gesunder Wirtschaft zu verwirklichen, hängt von Zeitumständen ab, die nicht in der Hand der einzelnen Anstaltsleitung liegen. So wie diese Häuser aber sämtlich aus eigener Kraft und aus der Initiative einzelner schöpferischer Persönlichkeiten erwachsen sind, so dürfen sie auch nie das Ziel aus dem Auge verlieren, wieder aus eigener Kraft zu bestehen und sich auszubauen.

[Einrichtungen mit besonderen Aufgaben]

[219] Auf die Schilderung einzelner Anstalten, auch der mit besonderen Aufgaben betrauten, kann an dieser Stelle verzichtet werden.

Die zahlreichen Kindererholungsheime, die ehemals im Besitz des Deutschen Roten Kreuzes waren, sind in das Eigentum der NS.-Volks­wohl­fahrt[4] als der von Par­tei[5] und Reich berufenen Organisation der Jugendwohlfahrt übergegangen, soweit sie nicht andere wichtige Aufgaben des Deutschen Roten Kreuzes zu erfüllen geeignet sind. Das gleiche gilt für die zahlreichen Häuser, die Gemeindepflegestationen, Kindergärten und ähnliche Tagesstätten enthielten.

Dagegen ist die Zahl der Häuser, die ehemals von Sanitätskolonnen und Frauenvereinen errichtet wurden, um Depots, Ausbildungs- und Versammlungsräume aufzunehmen, noch beträchtlich vermehrt worden. Der Bereitschaftsdienst fordert, daß möglichst in jeder Stadt und in jedem Landkreis ein solcher Mittelpunkt für die DRK.-Arbeit, besonders für den Bereitschaftsdienst, vorhanden ist. Dielfach sind früher entstandene Altersheime, unter Belassung eines Teils des Hauses für die alte Zweckbestimmung, als Häuser für den Bereitschaftsdienst eingerichtet worden.

[Bedeutung des Hauptlagers in Babelsberg]

Das DRK.-Haupt­la­ger[6] in Potsdam-Ba­bels­berg[7], das ehemalige Zentraldepot des Preußischen Landesvereins vom Roten Kreuz[8], hat nunmehr eine viel größere Bedeutung erhalten als je vorher. Es ist der Mittelpunkt für alle Beschaffungs- und Ausrüstungsmaßnahmen sämtlicher DRK.-Bereitschaften und -Schwesternschaften. Dadurch ist die Beschaffung der Stoffe und sonstigen Materialien wesentlich erleichtert, einheitliche, hochwertige Güte wird gewährleistet. Fehler der Beschaffung werden schnell festgestellt. Die Ansammlung von Vorräten für stoßweise auftretenden Bedarf wird erleichtert. Jedoch kann und darf eine Zentralisierung der für den Wehrmacht-Sanitätsdienst angesammelten Vorräte nicht stattfinden. Diese sind örtlich zu verwahren.

Die Verwendung der seit einem halben Jahrhundert als Typen feststehenden Seuchenbaracken, die auch bei mannigfachen sonstigen Notständen verwandt wur­den[9], wird im Vertragsverhältnis mit den deutschen Gemeinden unverändert fortgeführt. Der Bedarf steigert sich von Jahr zu Jahr.

[220] Baulich ist das Hauptlager im Jahre 1938 wesentlich erweitert und erneuert worden, so daß es jetzt großen Anforderungen genügen kann. Der Sitz des Präsidiums des Deutschen Roten Kreuzes ist seit Juli 1939, eng benachbart mit dem Hauptlager, nach Babelsberg verlegt, wo ein Neubau für das Präsidium errichtet wird.[10]

Erläuterungen

  1. Der veraltete Ausdruck Krankenanstalt steht hier für Krankenhaus bzw. Klinik.
  2. Die Wehrmacht bezeichnete in der Zeit des National­sozia­lis­mus (1933–1945) ab März 1935 die Gesamtheit der deutschen Streitkräfte.
  3. Siehe Volksgenosse.
  4. Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV, 1932–1945) war der Wohlfahrtsverband der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP, 1920–1945). Zunächst diente sie nur der Propaganda der Partei, später wurde sie zur faktisch staatlichen Wohlfahrtspflege und sollte mit dem Ziel der Monopolisierung der Wohlfahrtspflege die anderen Wohlfahrtsverbände einschließlich des Deut­schen Roten Kreu­zes verdrängen. Beim DRK, dessen Tätigkeitsschwerpunkt im Zuge der Kriegsvorbereitung auf die Unterstützung des Sanitätsdienstes der Wehrmacht und andere kriegsrelevante Aufgaben fokussiert wurde, gelang das.
  5. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) war die einzige zugelassene politische Partei im NS-Staat (1933–1945), daher wurde sie in dieser Zeit häufig als die Partei bezeichnet. Ihr Parteizeichen war das Hakenkreuz. Die Organisation und die Verwendung ihres Zeichen wurde in der Nach­kriegs­zeit verboten.
  6. Siehe Artikel Hauptlager.
  7. Siehe Artikel Babelsberg
  8. Siehe Artikel Zentraldepot vom Roten Kreuz.
  9. Siehe Artikel Döckersche Baracke.
  10. Vom 19. bis 21. Juni 1939 zog das Präsidium des damaligen Deut­schen Roten Kreu­zes (1938–1945/46) von Berlin nach Potsdam-Babelsberg, wo es einen großzügigen Neubau im typischen Stil der NS-Architektur errichtet hatte.