Felix Grüneisen: Das Deutsche Rote Kreuz in Vergangenheit und Gegenwart – Bereitstellung von Einrichtungen und Material
| ← Vorheriges Kapital | Übersicht | Nächstes Kapital → |
Kapitel 18: Bereitstellung von Einrichtungen und Material
[Standardisierung des Sanitätsmaterials und Pflegebedarfs]
Eine zweite Ausfertigung dieses Nachweises wurde am 4. Juli 1886 herausgegeben und durch ein „Verzeichnis der zu einem Musterdepot gehörigen Gegenstände, aufgestellt im Anschluß an den Nachweis der Verbandmittel usw., ergänzt. Das Kriegsministerium beauftragte den Kommissar und Militärinspekteur der freiwilligen Krankenpflege, den Nachweis den nachgeordneten Vereinen als Richtschnur zur Kenntnis zu bringen. Der Nachweis führte die Gegenstände in 4 Abschnitten auf:
- Verbandgegenstände, chirurgische Apparate usw.,
- Lagerungs- und Bekleidungsgegenstände,
- Lazarettutensilien,
- Arzneien, Desinfektions-, Nahrungs- und Genußmittel.
Bei den Verbandgegenständen wurde in der zweiten Ausgabe von 1886 die im Heeressanitätswesen in den achtziger Jahren eingeführte antiseptische Wundbehandlung berücksichtigt.
Durch die Errichtung von Musterdepots mit einem Verzeichnis hierzu gehöriger Gegenstände wurden die Listen des Nachweises ergänzt, um durch die Vorlage von Mustern, die heute als Normen zu bezeichnen sein würden, die Einheitlichkeit der Anfertigung nach Stoff, Form und Machart zu gewährleisten.
[Vorsorgliche Bevorratung von Material in Depots]
[Einführung transportabler Baracken und deren Bevorratung]
Die in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sich durchsetzende Auffassung, daß der Blockbau der Krankenhäuser und Hospitäler durch den Pavillonbau zu ersetzen sei, hatte schon während des Krieges 1870/711 zu einer gewissen Vorliebe für Barackenbau geführt. Es lag nun nahe, die Folgerung daraus zu ziehen und den Versuch der Herstellung transportabler Krankenbaracken zu machen. Die Allgemeine Deutsche Ausstellung für Hygiene und Rettungswesen 1883 gab einen weiteren Anstoß hierzu. Es folgte eine internationale Wettbewerbsausstellung transportabler Krankenbaracken in Antwerpen im Jahre 1885, die von der Kaiserin Augusta4 veranlaßt worden war. Der erste Preis wurde der Firma Christoph & Unmack in Kopenhagen für eine transportable Baracke System Döcker zuerkannt.5 Die Firma verlegte darauf ihren Sitz nach Niesky O./C. Ein weiterer Wettbewerb fand im September 1889 aus Anlaß der Deutschen Allgemeinen Ausstellung für Unfallverhütung statt, bei dem eine weitere Vervollkommnung der Baracke und der vollständigen Einrichtung hierfür erreicht wurde.
Im Sommer 1891 wurde auf dem Gelände des Garnisonlazaretts in Tempelhof ein Barackenlazarett errichtet, um im täglichen, 5 Monate hindurch fortgesetzten Gebrauch die Bewährung der in dem Wettbewerb von 1889 prämiierten Gegenstände kennenzulernen. Nach diesem Versuch faßte das Zentralkomitee des Preußischen Landesvereins den Beschluß, für ein Lazarett zu 1000 Kranken 50 Kranken- und 30 Wirtschaftsbaracken mit Zubehör zu beschaffen. Zur Unterbringung, die vorläufig in der Personenhalle des Ostbahnhofes zu Berlin stattfand, wurde im
[Vorbereitungen zur Einrichtung örtlicher Vereinslazarette]
Weiter wurden für die örtlichen Vorbereitungen der Erstellung von Vereinslazaretten Anregungen gegeben. Schriften, wie die von Werner Schütte, „Die innere Einrichtung eines transportablen Lazaretts“, und von Pannwitz9, „Die planmäßige Kriegsvorbereitung der Vereine vom Roten Kreuz“10, bemühten sich, den einzelnen Vereinen die vollkommen fremdartigen Fragen nahezubringen und bei der Zusammenstellung des Materials als Richtschnur zu dienen. Nicht nur für die technische Einrichtung mit Wirtschaftsgegenständen, ärztlichen Geräten, Verbandmitteln, Apothekengeräten und Arzneien war eine Unterweisung notwendig, sondern auch über die Deckung des Personalbedarfs, den Verwaltungs- und den Dienstbetrieb, den Kranken-Zu- und -Abgang, die Krankenversorgung, Listenführung, Berichterstattung und schließlich die sich hierbei ergebenden Kosten. Schließlich wurde von Generalarzt Dr. Großheim11 auf Veranlassung des Zentralkomitees des Preußischen Landesvereins der „Anhalt für die Einrichtung und den Betrieb von Vereinslazaretten, Privatpflegestätten und Genesungsheimen vom Roten Kreuz“ herausgegeben, der bis ins kleinste Auskunft über alles Wissenswerte gab. Der ersten Auflage von 1900 folgte eine zweite im Jahre 1910.
Eine weitere Ergänzung ergab sich aus der Dienstanweisung für die Delegierten der freiwilligen Krankenpflege, die im Jahre 1907 erschien.
[Vorbereitung der Aufstellung von Lazarettzügen]
Die süddeutschen Vereine, insbesondere Bayern und Württemberg, bereiteten die Aufstellung von Lazarettzügen vor. In München wurde, z. T. mit Unterstützung des Kriegsministeriums, die Einrichtung eines vollständigen Lazarettzuges beschafft und in einem Depot verwahrt. Die Kosten betrugen rund 55 000 Mark. Die Schaffung dieses Zuges war schon Ende der achtziger Jahre vom Bayerischen Kriegsministerium12 angeregt worden. Die Arbeit wurde jedoch erst 1907 fertiggestellt. Ähnlich wurde in Stuttgart verfahren.
[Krankenhäuser für den Kriegsfall]
Zu der Kriegsvorbereitung gehörte auch die Schaffung eigener Kran-
Über die Finanzierung dieser Krankenhausbauten ist leider nur wenig feststellbar. Im allgemeinen wurden jahrelang Mittel angesammelt, durch Wohltätigkeitsveranstaltungen und Basare im kleinen zusammengebracht. Trotz des allmählich wachsenden Reichtums des Deutschen Reiches rechnete man bei den Vereinen vom Roten Kreuz meist mit erstaunlich bescheidenen Mitteln. Der Anleiheweg wurde so gut wie nie beschritten, eine Ausnahme bildeten Dresden und Braunschweig. Im letzteren Fall hatte man sich allerdings verrechnet, und es bedurfte mit Hilfe des Preußischen Zentralkomitees einer Sanierungsaktion, die von der Stadt und vom Land Braunschweig unterstützt wurde, um das Unternehmen wieder flott zu machen, das seitdem gedieh.
In Bremen22, das seit jeher eine Ausnahmestellung im Sammlungswesen einnahm, wurden für den Bau des Rotkreuzkrankenhauses im Jahre 1907 durch freiwillige Sammlungen etwa 300 000 Mark und im folgenden Jahr aus einem Basar die erstaunlich große Summe von 108 000 Mark aufgebracht.26 In München16 konnte man auf der Grundlage der Kriegsentschädigungsgelder, die dem Bayerischen Frauenverein 1872 in Höhe von 85 000 Gulden überwiesen wurden, anfangen, wozu im Jahre 1889 von einem deutschamerikanischen Stifter ein Geschenk von 150 000 Mark kam. Erst auf dieser Grundlage wurde ein Darlehen von 50 000 Mark bei der Bayerischen Handelsbank aufgenommen und der große Bau in der Nymphenburger Straße errichtet.27
Das älteste Krankenhaus war das Augusta-Hospital in Berlin, das 1869 vom Berliner Frauen-Lazarettverein zur Ausbildung von Schwestern im gleichen Sinn geschaffen wurde, wie sie der Vaterländische Frauenverein in die Hand nahm. Dieser älteste Bau von 1869 dient z. B. im Rahmen des heutigen Augusta-Hospitals als Mutterhaus.28
Erläuterungen
- ↑ 1,0 1,1 Der Deutsch-Französische Krieg vom 19. Juli 1870 bis 10. Mai 1871 war eine militärische Auseinandersetzung zwischen Frankreich einerseits und dem Norddeutschen Bund unter der Führung Preußens sowie den mit ihm verbündeten süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt andererseits. Frankreich verlor den Krieg, trat den Großteil des Elsass und einen Teil von Lothringen ab, woraus das kurzlebige Reichsland Elsaß-Lothringen (1871–1918} geformt wurde, und das Deutsche Kaiserreich (1871–1918) entstand.
- ↑ Siehe Artikel Landesverein.
- ↑ Siehe Artikel Provinzialverein.
- ↑ Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach (1811–1890).
- ↑ Siehe Artikel Döckersche Baracke.
- ↑ Siehe Artikel Zentraldepot vom Roten Kreuz.
- ↑ Siehe Artikel Neubabelsberg.
- ↑ Der Forstfiskus war das forstwirtschaftliche Vermögen des preußischen Staates, das durch das Preußische Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten verwaltet wurde.
- ↑ Gotthold Pannwitz (1861–1926).
- ↑ Gotthold Pannwitz, Die planmäßige Kriegsvorbereitung der Vereine vom Roten Kreuz. Anleitung zur Aufstellung des Mobilmachungsplanes, Straßburg 1892.
- ↑ Carl Großheim (1843–1917).
- ↑ Siehe Bayerisches Kriegsministerium.
- ↑ Siehe Artikel Dresden.
- ↑ Siehe Artikel Frankfurt am Main.
- ↑ Siehe Artikel Karlsruhe.
- ↑ 16,0 16,1 Siehe Artikel München.
- ↑ Siehe Artikel Hamburg (Stadt).
- ↑ Siehe Artikel Hannover.
- ↑ Siehe Artikel Darmstadt.
- ↑ Siehe Artikel Wiesbaden.
- ↑ Siehe Artikel Breslau.
- ↑ 22,0 22,1 Siehe Artikel Bremen (Stadt).
- ↑ Siehe Artikel Gnesen.
- ↑ Siehe Artikel Stuttgart.
- ↑ Siehe Artikel Braunschweig.
- ↑ Das heutige Rotes Kreuz Krankenhaus geht auf das 1876 gegründete Vereinskrankenhaus vom Roten Kreuz zurück. Hier gemeint ist ein 1910 eröffneter Erweiterungsbau.
- ↑ Das Rotkreuzklinikum München wurde 1892 eröffnet. Das mehrmals wegen Zerstörung und Sanierungsbedarf wiederaufgebaute Krankenhaus besteht bis heute in der Nymphenburger Straße 163 in München, immer noch in der mittelbaren Trägerschaft der örtlichen Schwesternschaft.
- ↑ Das Kaiserin-Augusta-Hospital existierte bis 1945 als eigenständiges Krankenhaus und in Trägerschaft einer Gliederung einer der früheren Organisationen, die Deutsches Rotes Kreuz hießen.
